Ideen über Identität im Laufe der Geschichte
Wer bin ich? Woher komme ich? Was macht mich zu dem Menschen, der ich bin? Und darf sich die Antwort auf diese Fragen im Laufe meines Lebens verändern?
Fragen nach der eigenen Identität gehören zu den grundlegenden Fragen des Menschseins. Schon seit Jahrhunderten beschäftigen sich Philosophie und später auch Psychologie mit der Frage, was einen Menschen ausmacht.
Einen wichtigen Ausgangspunkt markierte der französische Philosoph René Descartes (1596-1650) mit seinem berühmten Satz „Cogito ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich.“ Der Mensch wurde damit erstmals nicht mehr nur über seine Stellung in der Welt oder seine Beziehung zu anderen verstanden, sondern auch über sein eigenes Bewusstsein.
Von Freud bis Erikson
Mit Sigmund Freud (1856- 1939) veränderte sich schließlich der Blick auf das menschliche Ich. Freud zeigte, dass unser Erleben nicht nur durch bewusste Gedanken bestimmt wird. Auch das Unbewusste, unsere Erfahrungen und unsere Beziehungen zu anderen Menschen beeinflussen, wie wir uns selbst erleben. Interessant ist dabei Freuds Begriff der Identifizierung. Menschen können Eigenschaften, Vorstellungen oder Verhaltensweisen von wichtigen Bezugspersonen übernehmen. Familie, Freund, Vorbilder und andere Menschen prägen uns – manchmal bewusst, manchmal ohne dass wir es bemerken.
Damit stellt sich eine weitere Frage: Wenn andere Menschen uns prägen – wer sind wir dann selbst?
Hier setzt Erik H. Erikson (1902-1994) an. Er entwickelte die psychoanalytischen Gedanken weiter und stellte die Identität stärker in den Mittelpunkt. Für Erikson entsteht Identität im Laufe des Lebens. Sie entwickelt sich aus unseren Erfahrungen, unseren Beziehungen und der Gesellschaft, in der wir leben. Identität ist damit nicht einfach etwas, das von Anfang an feststeht. Wir entwickeln uns. Und damit kann sich auch unser Verständnis von uns selbst verändern.
Besonders deutlich wurde diese Frage durch die großen gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Die Weltkriege veränderten das Leben von Millionen Menschen. Krieg, Verlust und traumatische Erfahrungen konnten das bisherige Selbstbild erschüttern. Auch Erikson arbeitete am Mount Zion Hospital in San Francisco mit Kriegsveteranen, die Unterstützung bei der Rückkehr in ihr Leben benötigten. Diese Erfahrungen machten sichtbar, wie eng Identität mit unserer Lebensgeschichte verbunden ist. Wenn sich unser Leben grundlegend verändert, kann sich auch die Frage verändern, wer wir sind.
Identität heute
Auch heute gibt es unterschiedliche Vorstellungen von Identität. Manche verstehen sie als etwas Festes und Unveränderliches. Andere sehen sie als einen offenen Prozess, in dem wir uns entwickeln und immer wieder neu entdecken können.
Meine Praxis steht für diese offene Perspektive.
Gerade für queere und neurodivergente Menschen kann es wichtig sein, die eigene Identität selbst erkunden zu dürfen – unabhängig davon, welche Vorstellungen andere Menschen von einem haben.
Vielleicht kennen Sie die Frage:
„Bin ich wirklich so, wie andere mich sehen?“
Vielleicht haben Sie Begriffe für sich gefunden, die sich richtig anfühlen. Vielleicht probieren sie noch aus, was zu Ihnen passt. Vielleicht möchten Sie sich überhaupt nicht festlegen. All das darf sein.
Sie müssen nicht von Anfang an wissen, wer Sie sind. Sie dürfen sich verändern, neue Seiten an sich entdecken und ihre eigene Geschichte immer wieder neu betrachten.
In diesem Sinn bedeutetet Identität: „Das bin ich heute. Das ist meine Geschichte. Und ich darf herausfinden, wer ich noch werden kann.“