Neurodiversität im Laufe der Zeit

Neurodiversität im Laufe der Zeit

Vielleicht hatten Sie schon einmal das Gefühl gehabt, anders zu funktionieren als andere. Vielleicht nehmen Sie Dinge anders wahr, denken anders oder lernen anders. Vielleicht gibt es Situationen, die für andere selbstverständlich sind, für Sie aber anstrengend oder überwältigend sein können.

Lange wurde vor allem gefragt, was mit Menschen „nicht stimmt“, wenn sie von der gesellschaftlichen Norm abweichen. Heute gibt es zunehmend eine andere Perspektive: Neurodiversität.

Von Diversität zu Neurodiversität

Der Begriff Diversität gewann vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an gesellschaftlicher Bedeutung. Wichtige Impulse gingen von den Bürgerrechtsbewegungen in den USA aus. Zunächst standen die Gleichstellung von Frauen und die Rechte von People of Color im Mittelpunkt. Es folgten die Bewegungen für die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgeschlechtlichen Menschen.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Diversität zu einem Leitprinzip, das heute in vielen Staaten, Organisationen und Unternehmen eine wichtige Rolle spielt.

Dennoch blieb lange eine Gruppe weitgehend unsichtbar: Menschen, deren Wahrnehmung und Verarbeitung sich von der gesellschaftlichen Mehrheit unterscheiden. Autistische Menschen, Menschen mit ADHS, Dyslexie, Dyspraxie oder anderen neurologischen Besonderheiten wurden überwiegend unter medizinischen Gesichtspunkten betrachtet.

Der Fokus lag häufig auf Defiziten, Diagnosen und der Frage, wie Abweichungen von der Norm behandelt oder reduziert werden könnten.

Ein neuer Blick auf Autismus

Einen wichtigen Wendepunkt markierte der autistische Aktivist Jim Sinclair. 1993 hielt Sinclair auf der International Conference on Autism in Toronto den Vortrag Don’t Mourn for Us. Darin machte Sinclair deutlich, dass Autismus nicht einfach von der Person getrennt werden könne, sondern eine grundlegende Form des eigenen Seins sein kann.

Autistische Menschen müssten deshalb nicht bedauert oder „geheilt“ werden. Vielmehr brauche es Verständnis, Akzeptanz und die Anerkennung ihrer eigenen Perspektive.

Wenige Jahre später prägte die australische Soziologin Judy Singer den Begriff Neurodiversität. Sie entwickelte die Idee, neurologische Unterschiede als Teil menschlicher Vielfalt zu verstehen.

Neurodiversität beschreibt damit die Tatsache, dass menschliche Gehirne unterschiedlich funktionieren – ebenso wie Menschen sich in Persönlichkeit, Sprache oder Kultur unterscheiden.

Populäres Buch

Zur Verbreitung des Gedankens trug auch der Wissenschaftsjournalist Steve Silberman mit seinem 2015 erschienenen Buch NeuroTribes bei. Darin beschreibt er die Geschichte des Autismus und die Entwicklung unseres Verständnisses davon.

Parallel dazu stiegen in den vergangenen Jahrzehnten die Diagnosen von Autismus und ADHS deutlich an – sowohl in den USA als auch in Europa. Fachleute führen dies unter anderem auf bessere diagnostische Verfahren, ein größeres gesellschaftliches Bewusstsein und eine differenziertere Wahrnehmung zurück.

Gleichzeitig wird zunehmend diskutiert, ob Begriffe wie „Störung“ immer angemessen sind oder ob manche Einschränkungen auch dadurch entstehen, dass unsere Umwelt wenig auf unterschiedliche Arten des Denkens und Wahrnehmens eingestellt ist.

Vielfalt als Herausforderung

Die Neurodiversitätsbewegung steht für einen grundlegenden Perspektivenwechsel. Neurologische Unterschiede werden nicht ausschließlich als medizinisches Problem betrachtet, sondern auch als Teil menschlicher Vielfalt.

Das bedeutet nicht, dass Belastungen oder Unterstützungsbedarf geleugnet werden. Viele neurodivergente Menschen erleben erhebliche Herausforderungen im Alltag und profitieren von therapeutischer, pädagogischer oder medizinischer Unterstützung.

Entscheidend ist jedoch, wie diese Unterstützung verstanden wird. Sie sollte nicht allein darauf ausgerichtet sein, einen Menschen an eine vermeintliche Norm anzupassen. Vielmehr geht es darum, Teilhabe, Selbstbestimmung und Lebensqualität zu fördern.

Ein anderer Blick auf sich selbst

Vielleicht haben Sie selbst schon erlebt, dass bestimmte Erwartungen nicht zu Ihnen passen. Vielleicht haben Sie erst spät Worte dafür gefunden, warum manche Dinge für Sie anders funktionieren. Neurodiversität kann helfen, einen anderen Blick auf sich selbst zu entwickeln. Es geht um die Frage: „Wie funktioniere ich – und was brauche ich, damit es mir gut geht?“ Neurodiversität beschreibt einen Wandel im Verständnis menschlicher Unterschiede. Es geht also um die Frage, wie eine Gesellschaft gestaltet sein kann, in der unterschiedliche Arten des Denkens, Lernens und Wahrnehmens ihren Platz haben.

Jutta Maucher

Über die Autorin

Jutta Maucher

Nach Abschluss meines Studiums der Geschichte und der Publizistik und Kommunikationswissenschaft war ich zunächst als PR-Mitarbeiterin beschäftigt, danach als Journalistin. Immer ging es darum herauszufinden, warum etwas entstanden ist und wie es möglich ist, dies zu verändern. Da mich genau diese Fragen mehr und mehr herum getrieben haben, startete ich mich dem Propädeutikum bei der APG und machte mit dem Fachspezifikum bei IG Wien weiter. Seit März 2016 bin ich in die Liste des Bundesministeriums für Gesundheit als Psychotherapeutin eingetragen.